Nachlese zur Autorenlesung mit Andreas Kossert
Flucht – Eine Menschheitsgeschichte (im ZMO am 28.1.2022)

ZMO Mainz | 07.02.2022

Die Kulturdezernentin der Stadt Mainz, Frau Marianne Grosse, führt in einer kurzen Begrüßung das Thema Flucht in die Aktualität, 80 Millionen Flüchtlinge sind es derzeit weltweit laut der Angabe des Hohen Flüchtlingskommissars der UN. Flucht, ein Thema, das sie auch in die Arbeit des ZMO verortet.

Folgt man dem historischen Abriss zum Thema Vertreibung und Flucht in dem o.g. Buch, so wird Kosserts These klar: in jedem Menschen steckt ein Flüchtling. Und es sind unzählige Nationen und  Völkergruppen, die in den wechselnden Besitz-und Machtverhältnissen in und um Territorien zugleich Täter und Opfer wurden und werden.

Worum geht es dem Historiker Dr. Andreas Kossert? Zuerst einmal um Verständnis: Was ist Flucht, welche Folgen hat sie und kann man sie bewältigen? Was ist dazu nötig und wessen Aufgabe ist das Verständnis kommt von verstehen und dazu braucht es Faktenwissen. Das liefert Kossert höchst umfänglich. Aber damit ist es ihm nicht genug. Kossert geht mit seiner systematischen Untersuchung, entlang am Erlebensweg der Betroffenen, bis auf den Grund der Seele. Er fragt: wie geht es dem Menschen mit solch einem Schicksal? Und damit führt er zum wirklichen Verständnis. Und dafür lässt er die Menschen sprechen.

Er lässt sie sprechen mit Tagebuchnotizen, Notizen vom Abschied, mit Gedichten, die von Trauer zeugen, mit Berichten, die langgehegte Hoffnungen auf Rückkehr bis zu deren Enttäuschung, bis zur Desillusionierung belegen. Kossert zeigt einmal mehr die Bedeutung von Literatur, sie ist es, die uns  zum Grund der Seele führt, wohin er das Publikum mitnimmt. Er zeigt, dass Heimweh eine Todesursache ist, er nennt die Namen dazu. Kossert belegt, dass sich Verlustempfinden, Trauer und manchmal sogar Unversöhnlichkeit vererben können, dass sie noch das wirkliche Ankommen der Nachfahren verhindern können.

Das Wort Schuld kommt bei Kossert nicht vor, ihm geht es um sachliche Klarheit, um die deutliche Abgrenzung der Begriffe, wonach bloße Toleranz von etwas Fremden noch lange keine Integration ist, da reicht auch nicht die Dönerbude. Ankommen geht nur mit echtem Interesse am Flüchtenden. Und das muss heißen: Wer ist jeder Einzelne? Mensch, wer bist du? Das müssen die Aufnehmenden wissen wollen. Ankommen heißt, dass aus dem Flüchtenden ein Geflüchteter wird, so Kossert, Partizip Perfekt; es ist vollendet. Das zu leisten ist in aller Verantwortung. Verständnis und  Mitgefühl, Voraussetzungen einer wirklichen Aufnahme, gelten in Kosserts Darlegungen allen Menschen gleichermaßen, gleichviel wer wann und warum flüchten musste.

Fern aller ideologischen Grabenkämpfe und aller Mainstreamverflachungen legt der Autor den Mechanismus und die verheerenden Folgen von Flucht offen. Kossert liest eine Weile, dann erklärt er, dann liest er wieder und im gut gefüllten Raum ist es mucksmäuschenstill. Das Publikum im ZMO weiß, wovon die Rede ist. Das zeigt sich auch in der anschließenden Diskussion. Sie verstehen sich hier auf Anhieb, die Berichte und Erzählungen des Buches ergänzt das Publikum durch Selbsterlebtes, Selbsterfahrenes.

Und noch einmal tritt die Kunst ein. Der Gitarrist Manolo Lohnes, ansässig in Bretzenheim, umrahmt  die Lesung mit einem Musikstück, dass die Trauer der  vertriebenen Sepharden aus Spanien vertont, der Bevölkerungsgruppe, mit der Dr. Kossert seinen historischen Abriss beginnt und deren Vertreibungsschicksal als Juden sich durch die gesamte Geschichte zieht. Die Lesung endet mit einem orientalischen Musikstück und schlägt damit eine Brücke zu  Menschen, die heute flüchten. Bereiten wir ihnen einen Raum.

Dr. Andreas Kossert lebt und arbeitet in Berlin. Für seine Arbeit wurde ihm der Georg-Dehio-Buchpreis 2008, der NDR Kultursachbuchpreis 2020 und der  Preis für „Das politische  Buch“ 2021 der Friedrich-Ebert-Stiftung verliehen.

Sein Buch „Kalte Heimat“ ist ein Bestseller.

Jutta Hager, ZMO-Mainz e. V.

In jedem von uns steckt ein Flüchtling

BRETZENHEIM – „In jedem von uns steckt ein Flüchtling“: Das ist die Maxime des Historikers und Autors Dr. Andreas Kossert, der sein mehrfach ausgezeichnetes, 2020 erschienenes Sachbuch „Flucht – eine Menschheitsgeschichte“ jetzt vor rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörern beim Verein „Zusammenarbeit mit Osteuropa“ (ZMO) vorstellte. …

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