Interkulturelles Fest – Domplatz

Sonntag, den 13. September 2015, Mainzer Domplatz
(Fotos von Johannes Weissgerber)

Mit voller Absicht froh –
Meistens ist das Wetter an diesem Tage schön. Heute ist es etwas unstet und alle Standbetreiber schauen ab und zu besorgt nach oben. Viel Zeit zum Schauen haben wir jedoch nicht, denn um 10 Uhr muss der Aufbau der Stände abgeschlossen sein, jedes Jahr wieder, jedes Jahr am zweiten Sonntag im September. Das ist das Interkulturelle Fest – auf den Domplätzen – mitten in der Stadt Mainz.

Und so geht es zwar nicht hektisch, aber doch sehr emsig zu. Ab und zu muss die Platzgrenze geklärt werden, ist denn schon Strom da und wo ist der nächste Wasseranschluss und wenn nötig, hilft man sich gegenseitig. Ach, ihr seid auch wieder da, heißt es, und man stellt fest – was jeder weiß: man ist doch wieder ein Jahr älter geworden. Und nirgendwo ist das auch deutlicher zu sehen als auf der Fotocollage, die unser Büro für Migration und Integration von 40 Jahren Interkulturelle Woche zusammengestellt hat. Und – Grundgütiger – wie lange kennst du nun schon die/den Soundso, die/der auch zu der Feierstunde gekommen ist! Was habt ihr damals nicht alles miteinander ausgehandelt. Vierzig Jahre und wie lange bin ich eigentlich schon dabei, fragst du dich. Wenn ich mich mit den Fotos vergleiche, doch sehr lange.

So ab 10:00 Uhr trudeln auch schon die ersten Leute ein und werden sofort von jedem Stand überfallen: Wollen Sie nicht ein Stück Kuchen, eine Portion Linsen, eines von den zahllosen Gerichten, die wir (die vielerlei verschiedenen Vereine) anbieten, vorbereitet seit Tagen! 120 Stände seien es, sagt die Moderatorin auf der Bühne.

Nein, will er nicht. Derjenige hat eben gefrühstückt. Später, vertröstet er. Und da wir alle langjährige Erfahrung haben, wissen wir, der da kommt tatsächlich wieder. Und so schauen wir optimistisch vor uns hin und klären, wohin der Abfall kommt, ob auch alle Flyer und Informationsbroschüren mitgenommen wurden, und ob die Getränke wohl reichen werden? Hat jemand an Wechselgeld gedacht?

Und während wir noch absichern, dass das Zelt auch Windböen standhält, macht unsere Stadtprominenz, angeführt von unserem Oberbürgermeister, schon ihre Runde. Hier ist keine Zeit für Grundsatzreden oder lange Erläuterungen, man weiß, man ist sich in dieser Sache einig, hier auf dem Platz und sonst bei der Arbeit. Und das zu bekräftigen, dazu geht die Truppe herum. Und deshalb möchte jeder auch dem Oberbürgermeister, den Stadträten, den Vertretern des Migrationsbüros und wer sonst noch da ist, seinen Kuchen, sein Gebackenes, Gebratenes, Gekochtes oder Gemixtes mitgeben. Und natürlich müssen sie spätestens beim dritten Stand passen. Kein Mensch kann so viel essen. Das weiß man und ist nicht beleidigt. Man weiß es und ist doch traurig, denn es wäre mal etwas Handfestes, um es zurück zu geben. Denn das wollen hier alle – etwas zurück geben.

Die Stadt hat den Zuwanderern neue Heimat gegeben. Die kann nicht die alte ersetzen, das kann niemand, und den Schmerz des Verlustes bestenfalls in leise Wehmut mildern – vielleicht in Tragendes umwandeln. Dies tut die Stadt. Um das zu erreichen braucht es viel, von beiden Seiten. Und deshalb sind wir alle hier.

Auch die Mainzer. Nun kommen sie schon in Scharen, auch wie jedes Jahr. Viele sind standtreu, sie waren auch im letzten und vorletzten Jahr schon da. Wir waren auch schon in Ihrem alten Haus, sagen die Leute. Mein Verein ist im letzten Jahr umgezogen. ›Ja, und wo sind Sie jetzt?‹ Wir teilen unsere Flyer aus. Die Leute wollen sich unterhalten und so mancher nutzt die Gelegenheit zu eins bis drei kleinen Gläschen Wodka. Gibt es auch immer bei uns. Ich hole mir lieber etwas Richtiges zu essen, Rindsgulasch am Alevitischen Stand zum Beispiel. Bei uns selber gibt es dieses mal nur Kuchen und Plini. Und so geht es weiter, friedlich, fröhlich und meine Kollegin sagt: ›Ich will einfach nur froh sein!‹ Sie sagt es.

Mittlerweile ist es Zeit für das Bühnenprogramm. Erwartungsvoll haben sich die Leutchen auf die Stühle gesetzt, mit Kind und Kegel sozusagen. Es hat aufgehört zu schauern, die Bühnenbretter werden noch einmal trockengefegt und schon betritt die erste Kindergruppe die Bühne. Bunt kostümiert und voller Elan tanzen sie ihr perfekt eingeübtes Programm. Applaus und die Kleinen treten wieder ab. Jetzt kommt die nächste Folkloregruppe, der kroatische Kulturverein, die portugiesischen Tänzerinnen und Tänzer, diverse türkische Gruppen, eine extra aus Polen angereiste Folkloregruppe, alle in phantasievollen, völlig unterschiedlichen Trachten und Kostümen.

Mein Verein schickt einen erst seit kurzem bestehenden Kinderchor auf die Bühne. Die Leitung haben zwei ausgebildete Musikpädagogen. Sie eröffnen das Programm mit einem Klagelied, Vater, Mutter, Sohn. Langgezogene, kehlige Töne, kraftvoller Gesang tönen über den Mainzer Marktplatz. Mich ergreift der Gesang, den Text verstehe ich nicht. Ein Antikriegslied, sagt meine Kollegin. ›Oh Sohn, komm gesund wieder, Mutter, soll ich in den Krieg, verabschiede mich und weine nicht‹, übersetzt sie. Sie kann Russisch.

Dann singen und tanzen die Kinder. Sie tragen russische und andere Kostüme. Es sind auch Kinder anderer Nationen dabei. Sie singen Russisch und Deutsch. Verschwitzt und begeistert kommen sie von der Bühne zurück und werden von uns und ihren Eltern in Empfang genommen und beglückwünscht, Kuchen inbegriffen. Und so machen es ganz sicher auch die Eltern all der anderen Kindergruppen, die das abwechslungsreiche Bühnenprogramm gestalten. Und alle diese Kinder werden sich noch als Erwachsene daran erinnern. Hoffentlich hilft es ihnen, denke ich, im Unterschied das Gleiche zu erkennen und den Rest zu akzeptieren.

Jetzt ist auch die Sonne endgültig hervor gekommen. Wir an den Ständen legen wieder alles nach vorne, was wir vor den Regenschauern geschützt hatten. Es ist Nachmittag geworden, der Kuchen ist begehrt, und wider allem Erwarten, verkaufen wir alles. Uns geht es nicht ums Geld. Natürlich, die Unkosten wollen wir decken. Uns geht es um die Idee, wir wollen dabei sein. Wir wollen mit allen zusammen sein. ›Ich liebe diese Stadt‹, sagt meine Kollegin, ›ich möchte nirgends woanders wohnen‹, fügt sie hinzu. Ich wünsche mir, dass das alle, die seit Tagen dieses Fest in ihren Vereinen vorbereitet haben, auch so empfinden.

Die letzten Gruppen treten auf und aktivieren noch einmal das Publikum, das sitzend und stehend, unbeirrt vor der Bühne ausharrt. Chinesische Klänge, zwei ungemein beeindruckende argentinische Tanzpaare und eine mir gänzlich unbekannte Instrumentalmusik aus der Türkei beenden das Programm dieses vierzigsten Domplatzfestes.

Wir räumen auf. Stände abbauen, alles wieder verstauen, die Zelte zusammenfalten. Wieder manövrieren die Autos durch das Gewusel von Besuchern, Standbetreibern, herumstehenden Kisten, Taschen etc. Und wir sind im Geiste schon bei den Veranstaltungen, die in den kommenden zwei Wochen anlässlich der vierzigsten Interkulturellen Woche in Mainz stattfinden werden. Und dann gehen wir uns noch bedanken, bei den bescheiden im Hintergrund bleibenden Organisatoren dieses ganzen Festes und der gesamten Interkulturellen Woche überhaupt, den Mitarbeitern des Migrationsbüros, wie wir es abgekürzt nennen. Monatelang haben sie in Kleinstarbeit diesen riesigen Berg bewältigt. Relativ müde, aber glücklich und zufrieden, fahren wir langsam über den Platz.

›Na, was sagst du dazu Dom‹, denke ich und schaue noch einmal hoch. ›Was sagst du zu dem Völkergemisch?‹ ›Na, was schon‹, sagt der Dom und nickt zustimmend.

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